POLITCIGS DIE KULTUREN DER ZIGARETTE UND DIE KULTUREN DES POLITISCHEN

Buch 3_Cover

Gerulf Hirt und Christoph Alten, Stefan Knopf, Dirk Schindelbeck, Sandra Schürmann unter Mitarbeit von Stephen Albrecht, Evelyn Möcking und Merle Strunk

PolitCIGs Band 3, herausgegeben von Rainer Gries und Stefan Rahner

Jonas Verlag, Kromsdorf/Weimar

ISBN 978-3-89445-529-3
192 S., 75 Abb.,
Hardcover, 25 Euro
Format 21 x 27 cm

Der dritte Band der PolitCIGs-Reihe spürt dem Gesundheitsdiskurs um das Rauchen und dem damit verbundenen Image- wie Produktwandel der Zigarette in der Bundesrepublik seit den 1960er-Jahren nach: von der Kritik unterschiedlicher Gegnerinnen und Gegner des Rauchens über Reglementierungen der deutschen wie der europäischen Politik, Herstellerstrategien und Zuschreibungen von Konsumentinnen und Konsumenten bis tief in die konkrete Produktsprache von Zigarettentypen und -marken hinein.

"Siehst Du die Kreuze am Waldesrand, das sind die Raucher von Stuyvesant." (Q.: Peter Rühmkorf: Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 246) Alltagssprachliche Reime wie diese waren erste Anzeichen dafür, dass der Geschmack der "großen, weiten Welt" nicht mehr gänzlich unbeschwert genossen wurde. Seither veränderte sich die Wahrnehmung der Zigarette radikal: von einem modernen und weltläufigen Produkt hin zu einer giftigen Droge. Wie kein anderes Genussmittel steht sie inzwischen synonym für die Volkskrankheit "Krebs", an der selbst der hartgesottene "Marlboro-Cowboy" zugrunde ging. In ihr objektivieren sich geradezu all jene Gesundheitsrisiken, die modernen Risiko-Produkten (etwa Alkohol) übergreifend zugeschrieben werden - aber geraucht wird nach wie vor.

Wie entwickelte sich dieses kulturell wie politisch zementierte Image als ein umstrittenes Risiko-Produkt und welche Akteure waren daran beteiligt? Inwiefern stand die materielle wie immaterielle Sprache der Zigarette in einer Wechselbeziehung mit diesem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess - und welche "hidden politics" schimmern dabei hervor?

Seit dem Ende der 1960er-Jahre geriet die Zigarette nach und nach zum Streitobjekt gesundheitswissenschaftlicher, politischer und industrieller (Macht-)Interessen. Stets trafen dabei Politiken zur Eindämmung und Strategien einer Ermöglichung ihres Konsums aufeinander. Dieser Widerstreit der Interessen wurde auf höchsten politischen und juristischen Ebenen ausgefochten. Er gipfelte in allseits trickreichen, nicht selten mit harten Bandagen ausgetragenen Konflikten der jeweiligen Interessenvertreter und schrieb sich tief in die Materialität der Zigarette ein. Je mehr diese als gesundheitsschädlich bis tödlich galt, desto dringender musste sie sich immer wieder neu erfinden: von ihren Tabakmischungen, ihrem Papier und etwaigen Filtervarianten über die Bildwelten, Farbklimata, Symboliken und Textbotschaften der jeweiligen Packungen und kommerziellen Werbemittel bis hin zur Transformation in die Elektronische Zigarette.

Gleichwohl spielte immer eine Rolle, inwiefern die jeweiligen Raucherinnen und Raucher für den schönen Schein der kommerziellen Produktkommunikation sowie für gesundheitspolitische Warnungen empfänglich waren. Stets konnten sich alltägliche Gewohnheiten und individuelle Selbstbilder nachhaltig mit dem Konsum konkreter Zigarettenmarken verknüpfen - eine bisweilen schwer zu lösende Synthese. Auch deshalb scheint es fraglich, ob der Niedergang der konventionellen Zigarette im 21. Jahrhundert bevorsteht.