POLITCIGS DIE KULTUREN DER ZIGARETTE UND DIE KULTUREN DES POLITISCHEN

Zigaretten-Fronten. Die politischen Kulturen des Rauchens in der Zeit des Ersten Weltkriegs

Veröffentlichung im Jonas Verlag, Marburg mehr zum Buch


Manoli-Post_3_H. 9_10_September_Oktober 1916_S. 19"Haben das Päckchen erhalten… Jetzt können wir wieder flott weg rauchen und den Russen dabei mächtig eins aufbrennen." (Q.: Feldpostkarte mit Motiv des Zigarettenherstellers Batschari, Juni 1915, Stadtarchiv Baden-Baden)

Solche Parolen aus dem Feld lassen bereits erahnen, welche alltägliche Bedeutung dem Rauchen im Ersten Weltkrieg zukam. Der BMBF-Forschungsverbund "PolitCIGs" (Jena - Hamburg - Wien) untersucht das Geschehen an den unterschiedlichen "Zigaretten-Fronten" in der Zeit des Durchbruchs der Moderne (vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Mitte der 20er Jahre hinein): bei den Zigaretten selbst, ihren materiellen Anmutungen und Zumutungen, bei den Produzenten sowie bei soldatischen Konsumenten.

Die Forschungsfragen lauten: Wie wandelten sich die Kulturen des Rauchens und damit die Kulturen des Politischen? Welche Spuren hinterließen traditionelle Rauchgewohnheiten im Zigarettenkonsum? Was war das Neue, Besondere, Dynamische an der Zigarette, und was ermöglichte ihren rasanten Aufschwung zum Massenkonsumgut im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg?
Neben der Analyse der besonderen Materialität der Zigarette selbst und ihrer offenen wie subtilen politischen Botschaften stehen die Herstellungs- und Absatzstrategien der Produzenten und vor allem die Rauchgewohnheiten soldatischer Verbraucher im deutschsprachigen Kultur- und Kommunikationsraum im Fokus.

Sulima Packung 1925, MA.O 2007~003.1849 Rheingold Packung, MdA MA.O 2007~003.1301

Anders als heute hatte die Zigarette vor hundert Jahren kein Akzeptanzproblem: Sie stand für den Aufstieg des Markenartikels und damit für die Moderne schlechthin. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende avancierte die Zigarette zum gesellschaftsfähigen Genussmittel; wenig später trugen maschinelle Herstellungsmethoden dazu bei, sie für breite Kreise erschwinglich zu machen, und um 1910 umfasste der deutsche Markt nicht weniger als 8.000 Sorten. Deren Gestaltung und Werbung beschworen Phantasien und Mythen des Orients mit opulent gestalteten Packungen oder faszinierten die Konsumenten mit international und mondän klingenden Namen wie "Gibson Girl", "Gil d'Or" oder "Dandy" und zuweilen hervorragender Gebrauchsgrafik.

Dandy-Dalli Dose um 1914, MdA MA.O 2007~003.3510

In der Gestaltung der Packungen und in der Bewerbung der Sorten / Marken formulierten die Hersteller aber nicht nur gesellschaftliche Idealbilder, sondern immer wieder auch politische Botschaften. Der Aufdruck "trustfrei" reklamierte etwa, diese Marke sei nicht von anglo-amerikanischem Kapital unterwandert.
Solche national aufgeladenen, zunächst noch dezent im Hintergrund platzierten Signale drängten sich seit Beginn des Ersten Weltkriegs mit Macht nach vorn: aus "Gibson Girl" wurde die schwarz-weiß-rot umrandete Marke "Wimpel", die angloamerikanisch anmutende Marke "Dandy" mutierte zu "Dalli", und aus der Marke "Gil d'Or" wurde "General Goeben".

Während des Kriegs entwickelte sich die Zigarette vom Luxus- und Freizeitprodukt zum Überlebensmittel auf dem Weg zur Front, im Schützengraben, in der Etappe, im Lazarett oder in der Gefangenschaft. Insgesamt intensivierte sich die Funktion der Zigarette als dingliches Medium der Begegnung: Wo Worte versagten, konnte sie noch Gemeinschaft stiften - sogar gegenüber Feinden. Wo Geld fast keinen Wert mehr hatte, wurde sie zur begehrten Währung, avancierte zum Heilmittel wie zum Trostspender. Sie gehörte zur markigen Heldenpose und konnte ebenso auch "letzte Gabe" für Sterbende sein. Sie war Brücke in die Heimat und ein Zeichen für den ersehnten Alltag im Frieden. An der "Heimatfront" schließlich entdeckten auch die Frauen diese neue Art des Tabakkonsums für sich; nach Kriegsende wurden sie erstmals von den Produzenten als relevante Konsumentengruppe wahrgenommen und angesprochen.

Q.: (von oben nach unten) Illustration in der Mitarbeiter-Zeitschrift "Manoli-Post" Sept./Okt. 1916; Zigaretten-Schachteln und -Blechdosen aus dem Werbemittelarchiv Reemtsma, Museum der Arbeit.

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