POLITCIGS DIE KULTUREN DER ZIGARETTE UND DIE KULTUREN DES POLITISCHEN

Rauchen im Sozialismus: Zur kulturhistorischen Bedeutung des Tabakkonsums in der DDR.

Dissertationsprojekt, Bearbeiter: Stefan Knopf

"Dieser Zigarettentabak [ist] schlappes Zeug für Weiber. Stellen Sie [sich] einmal vor, was das für eine Revolution in meiner bayrischen Heimat gäbe, wenn den Leuten so läppisches Zeug geboten würde. Und dafür soll ein Rentner an seinem Lebensabend seine paar Rentenkröten ausgeben?"

Wie diesem zugezogenen Rentner in Thüringen ging es vielen DDR-Bürgern, was in einer regen Eingabepraxis seinen Ausdruck fand: Hinter der vordergründigen Kritik an der Versorgungslage und an der Qualität der verfügbaren Produkte in der DDR-Gesellschaft, schimmerten oftmals tiefer liegende Sorgen und Nöte der Menschen durch.

Das Teilprojekt "Rauchen im Sozialismus" untersucht das kulturelle Kommunikations- und Bedeutungsgeflecht, das sich über und durch das Rauchen verschiedener Tabakwaren (Zigaretten, Zigarren sowie Rauch- und Schnupftabak) zwischen Produzenten, Konsumentinnen und Konsumenten sowie Dritten (etwa Journalisten) in der DDR entfaltete.
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Ziel ist es, über eine systematische Analyse der Sozialtechnik des Rauchens und deren gesellschaftlichen Ausprägungen, einen innovativen Beitrag zur Alltags-, Kommunikations- und Kulturgeschichte der DDR vorzulegen.

Die DDR verstehen wir dabei als einen vielschichtigen Kommunikationsraum, in dem die Raucherinnen und Raucher nicht nur mit Tabakwaren aus der DDR, sondern auch aus den "sozialistischen Bruderstaaten" und aus "dem Westen" konfrontiert waren.
Das Projekt untersucht diesen Kommunikationsraum respektive die ihn konstituierenden Teilöffentlichkeiten und fragt, welche konkreten wie imaginierten Bedeutungen der Konsum all dieser Tabakwaren für Raucherinnen und Raucher zwischen Ostsee und Erzgebirge hatte.

Wie kommentierten die DDR-Raucher die Existenz von Westzigaretten samt deren Botschaften beim Aufeinanderprallen mit den einheimischen Tabakwaren?
Welche Begegnungen von Mensch zu Mensch, welche Prozesse der Zuschreibung, der Abgrenzung, aber auch der Vergemeinschaftung fanden über und durch das Rauchen in der "sozialistischen" Gesellschaft statt?

In diesem Zusammenhang beleuchten wir, welche politischen Dimensionen mit dem Rauchen im Sozialismus verknüpft waren: Unter welchen Umständen stützte welche Art von Rauchen den Arbeiter-und-Bauern-Staat? Gab es womöglich sogar ein Rauchverhalten, das Distanz oder Kritik am Regime zum Ausdruck brachte?

Eingangszitat aus: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden (HStA): 11585 VVB/Kombinat Tabak Berlin/Dresden, Nr. 0312
Abbildung: Anzeige des VEB Josetti Cigarettenfabrik Berlin, in: Das Magazin, H. 3, 1954, S. 80